Den ganzen Tag Videokonferenzen - Erfahrungsbericht

Mit dem angebissenen Brötchen in die erste morgendliche Videokonferenz. Teilnahme Pflicht, Beginn 08:00 Uhr. Der Rest der Familie sitzt noch beim Frühstückstisch. Ein neues Tool wird erklärt. Wir lesen gemeinsam am Bildschirm die Gebrauchsanleitung, es ist eher ein Webinar. Aus dem Off die Stimme des Trainers. Ist es wirklich wichtig, diese vielen kleingedruckten Seiten am Bildschirm zu lesen? Auf jeden Fall ist es anstrengend. Stimmengeplapper aus der Küche, ich unmute mich.

Neues Techniktool. Wo ist das Mute?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich mit dem neuen Tool auskannte. Auch stumm stellen und wieder mute gehen klappte nicht sofort. Aber das hatten die anderen auch, einmal haben wir das Rauschen der Klospülung gehört, der Kollege hatte sich nicht unmute geklickt, keiner hat etwas gesagt, hätte jedem passieren können.

Auch den Streit in der Großfamilie haben wir alle mit angehört, war nicht schön. Mittlerweile machen wir uns gegenseitig aufmerksam. Mein Smartphone brummt. Kollege Maurer, sicher Probleme beim Projekt. Ich schalte gerade noch rechtzeitig die Videokamera aus, bevor ich ran gehe. Das Projekt läuft nicht, wir brauchen den Chef, aber der ist in selbstgewählter Quarantäne. Die Chefin, sie ist heute wo...?


Im selben Meeting, ohne es zu wissen

Ich sage Kollege Maurer, ich kümmer mich darum. Und auch, dass ich den ganzen Tag in einer Videokonferenz nach der anderen bin, gerade jetzt auch. Kein Problem, sagt er, deshalb habe ich dich ja angerufen, ich bin in der selben Konferenz wie du. Dreißig Kollegen und Kolleginnen sind zugeschaltet, sehe ich unten in der Leiste, jetzt scrolle ich zu M, da ist er, Jens Maurer. Wo ich schon dabei bin, scrolle ich weiter zu T, aber meine Chefin Tanssa ist nicht dabei. Ich schreibe ihr eine sms, ob wir in der Mittagspause telefonieren können?

Mittagspause?

Prompt kommt zurück: Mittagspause ist wann? Mittagspause? Keine Ahnung. Versuchsweise sage ich 13:00 Uhr. Ok, kommt die Zustimmung, 13:00 Uhr rufe ich dich an. Und meine Mittagspause, denke ich? Und: warum habe ich nicht gesagt: ich habe da Mittagspause? Stattdessen habe ich gesagt, wir könnten in der Mittagspause telefonieren. Wieder nichts mit Essen, wieder keine Pause, wieder kein Rundgang im Viertel. Um 13:30 gehen die Videokonferenzen wieder los, hintereinander weg bis abends. Gottseidank sind wir ja angehalten, Datentraffic gering zu halten und möglichst oft das Video auszuschalten. Dann kann ich mal durchschnaufen. Aber die um 15:00 Uhr, da ist der große Chef dabei, da sollte ich etwas Schlaues sagen. Wer kauft eigentlich heute ein? Was essen wir? Meine drei Kollegen in der Gruppe wollen auch noch angerufen werden, eigentlich wollten wir uns ebenfalls regelmäßig zu einem kleinen morning-jour fix online treffen. Das Smartphone brummt wieder, o das ist das andere, meine Mutter. Hoffentlich nichts Ernstes.

Ergebnislose Meetings werden digital nicht besser

Die nächste Konferenz noch vor dem Mittag ist wenig effektiv. Merkwürdig, wie sich alles wiederholt. Die auch schon vor-Corona-Zeiten meistens ergebnislosen Meetings haben wir jetzt im Zoom auch. Ich mache mir ein Brot. Mittagessen wird wohl ausfallen, da ist jetzt das Telefonat mit der Chefin, und dabei kann ich schlecht mein Brot kauen. Ich habe noch keine Lösungsidee, ich weiß noch nicht, wo eigentlich das Problem liegt. Vor Ort könnten wir mit zwei weiteren Kollegen reden und die Sache direkt besprechen und ausprobieren. Ups, es blinkt. Abstimmung. Ich hebe die Hand, virtuell. War wohl richtig.

Von morgens bis abends Video

Das nächste Meeting ist bereits anvisiert. Keine Pausen. Wer sorgt hier eigentlich dafür, dass ich genug esse, trinke, aufs Klo kann und mal frische Luft tanke? Ich muss auch mal denken, mal nachdenken, bevor ich spreche oder entscheide oder Ideen oder Lösungen finde. Das ist hier so eng getaktet, dass keine Zeit für Überlegungen bleibt. In der realen Welt jagte auch eine Konferenz die nächste, egal, in welchem Gebäude man gerade war. Keine Zeiten für Vor- oder Nachbereitungen. Wir verhalten uns in der digitalen Welt genauso. Morgen muss ich einkaufen, unbedingt. Ich blocke mir einen Termin für zwei Stunden, anders geht es ja nicht. Die Meetings beginnen morgens und enden abends.

Home Office: eierlegende Wollmilchsau

Mein Käsebrot liegt immer noch neben mir, halb aufgegessen. Immerhin, das Telefonat mit der Chefin war gut, wir können uns mit der Lösung noch Zeit lassen. Klappt eh nicht viel zur Zeit. Es muss nur Laufen, irgendwie. Gleich ist Schichtwechsel im Familienkreis. Ich wechsel ins Wohnzimmer. Töchterchen wird gerade "gebracht", das heißt hereingeschoben mit einem fragenden Blick ob es geht? Ich nicke und setze mich gleich auf den Fußboden, Laptop auf den Knien. Sie will Memorie spielen, also spielen wir Memorie. Alles sehr unpraktisch. Mein Leben ist in der realen Welt. Meine Tochter ist auch real. Das Home Office ist nur dem Namen nach ein Home Office. Es ist kein sinnvoll gebautes, gut ausgestattetes Büro mit Zugang zu allen Informationen und Werkzeugen wie im Büro in der Firma. Es ist überhaupt kein Büro zu Hause. Gerade mal, dass ich einen Laptop habe.
Der Rest ist Neuland.
Und es gibt keinen Ort der Erfahrung damit.

Das gab es noch nicht in unserem Leben

Wir sammeln erst die Erfahrungen. Diese werden, hoffentlich, zu Erkenntnissen. Daraus erwachsen neue Ansichten, kreative Formen und Gestaltungen von Leben und Arbeiten, von sozialen Räumen und gesellschaftlichem Miteinander in unseren Städten und Dörfern. Bürohäuser werden sich verändern, kleiner werden, flexibler, wie die Wohnungen, die Arbeitszimmer beinhalten werden. Und wir werden lernen, zeitliche und räumliche Trennungen von Arbeit und Leben selbst in der Einzimmerwohnung zu ermöglichen.

5-10 Jahre später - die Welt hat sich verändert

Es gibt so Vieles noch nicht in unseren Leben.
In fünf bis zehn Jahren werden wir und unsere Kinder hoffentlich sagen, dass diese Wochen auch intensiv und erfüllt waren, weil wir da waren, einfach da waren für die Kinder und füreinander, auch wenn die Freunde nicht kommen durften.
In fünf bis zehn Jahren wird sich hoffentlich die Arbeits- und Lebenswelt so verändert haben, dass all das, was heute unvollkommen und lästig ist, neu gestalteter Raum sein wird. Häuser und Wohnungen werden anders gebaut sein, die Innenhöfe in den Städten sind Spielplätze, im Souterrain Fitness mit kleinem Spa. Die Kinderkrippe unten im Haus, neben Kiosk oder Edeka.
Die Wohnungen sind mit Büros ausgestattet, die Technik ist überall auf dem neuesten Stand und wird, wie die Fallrohre im Sanitärbereich und die Elektrik, gleich mit eingebaut. Die Arbeitsräume sind integriert, und zugleich verschwinden sie abends. Die Trennung von Arbeit und Familie und Freizeit ist, weil räumlich zusammengelegt, wieder durch zeitliche Rahmen getrennt.

Die Firmen haben kleinere Bürohäuser oder besitzen keine eigenen mehr, vielmehr sind die Städte in der Infrastruktur mit mobilen Arbeitsmöglichkeiten ausgestattet. Wo früher Autos und Straßen die Häuserfluchten durchschnitten, sind Wege, Parks, kleine Pavillons zum sitzen, arbeiten, träumen, reden oder einfach nur Da-Sein. Dazwischen flitzen kleine, bei Bedarf auf das dreifache ihres Volumens ausziehbare Mobilis und transportieren Dinge und Menschen.
Vieles ist sehr gelungen und lässt dem Leben und Denken und der Kreativität wieder mehr Raum. Der Zeittakt hat sich verändert. Es wird nicht mehr nach Stunden gerechnet.

Es ist das Da-Sein, das zählt, an welchem Ort und bei welcher Tätigkeit auch immer. In der Summe sind wir weniger mobil, weil wir da sind, wo die Arbeit ist und die Arbeit ist da, wo wir sind und mit unseren Freunden und Familien sein wollen. Wenn notwendig, werden Entfernungen rasch und gezielt nach Bedarf überwunden. Wir stehen nicht mehr so viel neben uns und drängen uns selbst vorwärts, ohne noch zu wissen, wohin und vor allem warum?
Die Zeit dehnt sich, wenn wir sie ins Leben hereinlassen.

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Sie ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Möglichkeiten zu erweitern.