Die Kunst des Hörens und Zuhörens

Hören, was Atem, Ton und Stimme mitteilen

Ich bin eine Freundin des Hörens. In Zeiten von "Corona" greife ich gerne wieder mehr zum Telefon. Kopfhörer bzw. Headset und eine stabile Verbindung sind Voraussetzung für gutes Hören auf beiden Seiten, insbesondere, wenn wir in Arbeitszusammenhängen bewusst zum Telefon greifen, statt ein Video-Meeting einzuberufen.

So viele Vorteile Online-Meetings haben, so ist es auch ermüdend, in Video-Meetings auf die Bildschirme zu starren, lange Projektpapiere in kleiner Schrift zu studieren und die Kolleginnen und Kollegen nach und nach hinter der Wand der Kacheln verschwinden zu sehen.

Und nun ein Playdoyer für das Hören? Ja! Greifen Sie zum Telefon. Hören Sie zu. Konzentrieren Sie sich auf den Anderen. Im Unterschied zum Video/Audio ist das Telefon nicht zeitversetzt. Vielmehr ist hier die sinnliche Wahrnehmung des Hörens vergleichbar dem Zuhören von Angesicht zu Angesicht. Ja, die Intensität ist gesteigert, gerade weil ich nur ein Sinnesorgan - das Hören - zur Verfügung habe.

Warum? Nichts lenkt ab. Nur die Stimme ist im Raum und kann sich ausbreiten.


Die Kunst des Hörens

Ich habe in meiner Arbeit als Coach gelernt, auf verschiedenen Ebenen zu hören und mehr zu hören, als mit Worten gesagt wird. Und auch auf das zu hören, was nicht gesagt wird, sich aber gleichsam als Entwicklung anbahnt.

Normalerweise hören wir zu und vergleichen das Gesagte sofort mit unseren eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, mit unseren Emotionen und Gedanken und versuchen, das Gespräch in eine Richtung zu lenken. Diese 1. Ebene ist das innere Zuhören und meine Aufmerksamkeit ist mehr bei mir und ich höre eher meine innere Stimme, die das, was der Andere sagt, mit eigenen Erfahrungen und Gefühlen verbindet.

Eine weitere, 2. Ebene ist das konzentrierte, das fokussierte Zuhören. Ich höre vorbehaltlos das, was der Andere sagt. Ich höre auf jedes Wort, höre die Nuancen, die Zwischentöne und Klangfarben, und blende meinen inneren Dialog aus.

Die 3. Ebene nun ist das globale Zuhören in Zeit und Raum. Ich höre nicht nur fokussiert und konzentriert zu wie auf der zweiten Ebene, sondern weite mein Zuhören und nehme auch die Ton- und Stimmlage wahr, höre den Atem und wie er sich verändert und "höre die Gesamtheit" der Person wie sie ist und was sie sein und werden könnte. Ich nehme die Stimmungen und Veränderungen auf und schwinge mich ein in die Umwelt des Anderen.

Professionelles Hören, zum Beispiel als Coach, erfolgt auf der zweiten und dritten Ebene. Das ist nicht einfach und erfordert permanentes Üben. Und es bedarf eines klaren, aufgeräumten Kopfes, es braucht ein bewusstes Ausschalten der eigenen Gedanken, um sich voll und ganz auf die Welt des Anderen zu konzentrieren, ohne jedoch eingesogen zu werden.


Den Anderen fühlen, denken und sich entwickeln hören

Die Stimme, der Atem, die Pausen, das laute Nachdenken, die Stimmungen, das Aufkeimen von Hoffnung, das Heller werden der Stimme, das Öffnen neuer Räume im Fühlen, Denken und Handeln - das und vieles mehr kann ich intensiv hören und in das Verständnis integrieren.

Hören intensiviert das sich Einschwingen auf den Anderen, ähnlich dem Tanz. Atem, Tonlage, Melodie, Rhythmus von Sprache sowie die Wahl der Worte teilen mir mit, wohin die Reise gehen könnte, was der Andere fühlt, ja was er gleich denken oder auch sagen wird. Die Stimme nimmt vorweg, was der Kopf erst noch ausarbeitet. Um im Bild des Tanzes zu bleiben, professionelles Zuhören hört den nächsten Tanzschritt sowie mögliche zukünftige Schrittfolgen.

Durch konzentriertes Hören wird aus einem normalen Telefonanruf ein intensives, bereicherndes Gespräch - und es eröffnet sich ein neuer Raum des Verstehens.

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Sie ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Möglichkeiten zu erweitern.