Die Macht der Worte

Es sind unsere Gedanken und unsere Worte, die in der Lage sind, die Welt zu verändern. Unsere Gedanken wirken im Guten wie im Bösen mit Hilfe der Worte, der Sprache. Physische Gewalt gegen Menschen beginnt fast immer mit sprachlicher Gewalt. Das Wort, wenngleich es ja nur aus Buchstaben besteht, vermag im Gefühl und in den Gedanken von uns Menschen die Wahrnehmungen, ja unsere Wirklichkeiten zu verändern. Auch wenn es nur eine virtuelle Hassbotschaft im virtuellen Netz ist, trifft sie den Menschen ganz real im Innersten. Worte können zerstören. Worte können aufbauen. Das Wort ist somit mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben.

Es werde Licht - und es ward Licht

In der Bibel ist diese unmittelbare Macht und Kraft des Wortes niedergeschrieben. Das Johannesevangelium beginnt im Prolog mit dem Wort als Schöpfung. "Im Anfang war das Wort / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott. / Im Anfang war es bei Gott. / Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist." (Joh 1,1-18)


So ist gleichermaßen die Erschaffung Teil unserer Kulturgeschichte wie die Zerstörungen (Sintflut; Zehn Plagen) und die Warnung vor Gottes Zorn angesichts der menschlichen Sünde und des menschlichen Fehlverhaltens (Genesis; Römerbriefe). Auch unsere Sagen und Märchen, unsere Redewendungen und Metaphern spiegeln in vielfältiger Weise, welche Kraft, Macht und Verzauberung im Guten wie im Bösen vom Wort auszugehen vermag.

Zauberworte

Abrakadabra, Simsalabim, Hokuspokus sind die Zauberworte, die einen in einen anderen Zustand oder in ein anderes Wesen verwandeln. Hat man hingegen das Zauberwort vergessen, nun, so muss man für immer Storch bleiben. Ohne das Zauberwort können sich die beiden Wesire in Hauffs Märchen nicht wieder in Menschen verwandeln.

Heute können wir in fast jeder Gruppe von Menschen, in fast jeder Branche und Hierarchieebene Zauberworte ausfindig machen. Kennt man die Zauberworte, so öffnen sich Türen in Führungs- Vorstands- und Clubetagen und man gehört dazu. Zauberworte erschaffen Gutes oder bewirken Böses.

Wirksamkeit von Sprache

Unser Umgang mit Worten und Sprache rückt wieder stärker in das Bewusstsein. Dies vor allem seit die sprachliche Verrohung in den sozialen Medien auf das tägliche Leben überschwappt und aus Hassbotschaften reale Bedrohungen werden. Unsere kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung wird getragen und geformt durch Sprache, und indem wir miteinander kommunizieren, teilen wir uns unbewusst und bewusst unsere Werte mit. Die Hetze in den sozialen Medien transportieren Hass.

Wo sind die Zauberworte, die die Hassbotschaften zu bannen vermögen?

Gesetze gegen Hass

Im Januar 2018 beschloss die Bundesregierung ein Gesetz gegen Hass und Hetze im Netz. Im Mai 2020 beschloss das französische Parlament einen Gesetzentwurf, um Hassbotschaften im Netz zu löschen. Anfang Juli 2020 verabschiedete der Bundesrat in Berlin das Gesetz gegen Hassbotschaften, um Rechtsextremismus und Hasskriminalität im Internet zu bekämpfen. Hetze und Drohungen werden direkt bei der Meldestelle des BKA entgegengenommen und dort überprüft. Laut BKA gehen die Fallzahlen zur politisch motivierten Kriminalität zwar zurück, doch der deutliche Anstieg von Angriffen auf Amts- und Mandatsträger sowie Medienvertreter gebe Anlass zum entschlossenen Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden, heißt es in der Pressemitteilung des BKA im Mai 2020.

Zunahme von Hass und Verrohung durch Sprache

Aus Worten werden Taten, warnt auch die Justizministerin bei der Vorstellung der Gesetze gegen Hass und Hetze im Netz im Juli 2020. Gesetze und mutige Rechtsprechung gegen Hass sind ein wichtiger Baustein gegen die Erosion unserer Menschlichkeit. Die Rechtsprechung stellt sich im Namen des Gesetztes gegen die Worte des Hasses in dem Versuch, die Taten, die den Worten folgen könnten, zu verhindern.

Doch Menschen erfahren, wie aus Worten Taten werden und die Sorge der Bürgerinnen und Bürger, die bereits bedroht oder beleidigt wurden, wächst. Über 50 Abgeordnete des niedersächsischen Landtages, viele kommunale Politikerinnen und Politiker sowie Ehrenamtliche werden mit Hass und Hetze aus dem Netz bedroht. Hassbotschaften verstören und zerstören.


Es geht auch anders

Doch Worte können auch aufbauen. Worte vermögen Taten zu verhindern. Wenn wir Menschen mit Worten zerstören können, so können wir mit Worten auch aufbauen und gestalten. Wenn wir das Eine können, können wir auch das Andere. Wenn es in unserer Macht steht, das Böse zu tun und das Gute nicht, so steht es auch in unserer Macht uns dafür zu entscheiden, das Gute zu tun und das Böse sein zu lassen.

Eine starke Zivilgesellschaft

Es liegt in unserer Hand, das Gute zu tun. Und es sind unsere Empfindungen, unsere Gedanken und Worte, die eine lebenswerte Zukunft erschaffen und gestalten. Die Werte, die uns tragen, sind fragil und zugleich kraftvoll. Es ist unsere Kultur.
"...und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist."

Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Wie wollen wir miteinander sein?

In welcher Kultur wollen wir leben? Wollen wir brutal sein? Brutal cool? Wollen wir zuschlagen, draufhauen, wegputzen, verrohen und uns erfreuen, wenn wir als erste das Blut der Unfallopfer ins Netz gestellt haben? Wollen wir unsere Kinder und Schülerinnen, unsere Auszubildenden, unsere Studierenden, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder schlagen, erniedrigen, belügen, bedrohen, zu Opfern machen - um sie kurz wieder aufzurichten in Angst, nur um sie gleich wieder zu erniedrigen?

Wollen wir so miteinander sein?

Wie soll unser Leben werden? Es sind die uralten Fragen der Menschheit. Und sie sind existentiell. Und aktuell.

Menschsein

Es beginnt mit dem moralischen Gesetz in mir. Es beginnt bei mir. Das Menschsein beginnt in mir.

Kants vier große Fragen leiten uns auch heute: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Fühlend, denkend und sprechend stelle ich mich in die Welt. Sprache als Mittel emotionaler Umarmung und Zuwendung, das Gespräch als Form, die Gedanken miteinander zu teilen, auszutauschen, sich mit Argumenten um Ansichten und Inhalte zu reiben und zu streiten.

Mit Worten tritt auch das Gute in die Welt. Wenn wir aufhören, uns in unserer Menschlichkeit auszudrücken, hören wir auf, Mensch zu sein.

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Sie ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Möglichkeiten zu erweitern.