Der reduzierte Mensch

Resignation, Achselzucken, Glück und Ohnmacht gleichermaßen

Was soll man sagen nach einem Jahr? Das, was man ahnte vor einem Jahr? Was man noch nicht wusste? Was man hoffte, bangte und glaubte zu bezwingen?

Was geben Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen täglich mit auf den Weg in's Büro? Bleib gesund? Pass gut auf dich auf? Oder einfach nur noch: mach's gut.
Und was wünschen Sie sich für sich?

Reicht Ihnen das Videobild? Reicht Ihnen das grandiose Konzert auf der Wohnzimmercoach? Das Theater gestreamt auf den Bildschirm, auf dem tagsüber die Videokonferenzen laufen? Freilich, endlich können wir auf Netflix auch die großen Schauspielerinnen und Schauspieler in kleinen Filmen sehen, da ist etwas Neues zu erkennen. Wenngleich das nichts als eine Verschiebung ist. Damals, als das Fernsehen aufkam, verlor die Welt der Kinos. Es dauerte viele Jahre, bis die Kinos sich neu erfanden. Sie werden sich wieder neu erfinden. Das Theater bleibt.

Shakespeare lebt

Shakespeare lebt, und gutes Theater lebt. Bücher bleiben.

Bücher steigen auf in diesen Corona-Zeiten und erleben eine Renaissance. Endlich lesen. Richtig lesen, nicht bloß überfliegen, nicht bloß Bulletpoints, nicht bloß oberflächliche Zusammenfassungen. Die Angst vor tiefer Erkenntnis ist einer Lust und Neugierde des Suchens und Forschens gewichen. Entdecken neuer Welten. Sinn erkunden, staunend dem Versuch des Unsagbaren folgen und eintauchen in Gedanken und Wissen der anderen. Das ist wahrlich etwas anderes als das sharing einzelner Seiten, Fotos oder Menükarten samt Teller mit veganer Hähnchenkeule. Bücher schenken uns ihr Wissen, ihre Fragen, ihr Bohren, ihren Versuch, das Unsagbare in Worte zu fassen und zu beschreiben.

Gerne mehr Kontrolle?

Was soll man sagen. Bleiben Sie gesund? Das tun Sie über kurz oder lang so oder so. Holen Sie sich Ihr Wissen über upgrades und podcasts? Wer schickt die Erkenntnis hinterher? Vor einigen Monaten schien es unvorstellbar, dass Arbeitgeber das Home Office via eingebauter Technik kontrollieren. Nun schreiben eifrige Arbeitsrechtler selbstverständlich muss der Arbeitgeber wissen, wann und wie viel der Mitarbeiter arbeitet Ja natürlich. Er bezahlt. Dafür gibt es Leistung. Und die muss kontrolliert werden. Es könnte sein, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Essen kochen, ihr Kind bei den Schularbeiten unterstützen, erst ab zehn Uhr den Rechner hochfahren. Vielleicht auch erst abends, nachdem Home Schooling und familiy social work getan sind.

Wieder mehr X statt Y?

Der Arbeitgeber hat ein Recht darauf zu wissen, was Sie tun. Wir nähern uns der X-Y-Theorie McGregors aus den 60er Jahren an. Damals galt als revolutionär, dass die Y-Theorie, wie McGregor es nannte, davon ausging, dass der Mensch bei guten Rahmenbedingungen leistungsfreudig, zufrieden, motiviert, eigenverantwortlich und arbeitsam ist. McGregor sah in der Y-Theorie die Grundlage für Vertrauen. Die damals allerdings vorherrschende hierarchische, kontrollierende Führung bezeichnete er als X-Theorie, dahinter stehen Denken und Einstellungen, die den Menschen als träge, tendenziell faul und arbeitsscheu bewerten und davon ausgehen, dass er nur mit Kontrolle und Druck zu lenken sei. Man möchte meinen, dass die X-Theorie auf dem Vormarsch ist und das Virus ihm erneut den Weg frei gelegt hat. Wenn wir alle durchgeimpft sind, wird die X-Theorie selbstverständlich wieder verschwinden wie das Virus verschwinden wird. Wir werden all die Erschöpften und Ermüdeten, die Toten und die Zerstörten, die Kranken und Verlorenen beweinen und einen Trauer- und Erinnerungstag ausrufen.

Idealerweise böte sich dafür ein bereits vorhandener Feiertag an.

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Sie ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Möglichkeiten zu erweitern.