KISS oder not KISS

... geh' bei wichtigen Details in die Tiefe.
Ist die Zeit der einfachen Sprache bei Präsentationen vorbei?

Es gibt eine Untersuchung die belegt, dass man mehr Investorengelder einsammeln kann, wenn man bei seiner start-up Präsentation kognitiv komplexe Sprache verwendet (TechCrunch Disrupt Start-up Battlefield in San Francisco).

Nieder mit keep it short and simple (KISS)?

So simpel ist es nun auch wieder nicht. Jahrelang haben wir in Unternehmen das Kommunikationsverhalten auch dahingehend trainiert, dass Mitarbeitende aller Hierarchiestufen nicht einfach drauf losplappern, sondern sich vorher überlegen: zu wem spreche ich gerade? Das sogenannte zielgruppenorientierte Sprechen. Zielgruppenorientierung bedeutet nicht, intellektuelle Tiefe zu opfern. Sie bedeutet, die Sprache so anzupassen, dass Inhalte verstanden, erinnert und genutzt werden können.

Ist das noch KISS oder bereits elaborierte Sprechweise?

Kernbotschaften zuerst. Wie im klassischen Nachrichtentextformat die 5 W's: Wer hat was wann wo warum gemacht. Vereinfachen gehört zum Standard moderner Präsentation. Hole die Zielgruppe da ab, wo sie steht. Die Zielgruppe gibt vor, wie Sprache und Präsentation sein soll(t)en. So erreichen wir Menschen ganz unterschiedlicher Ausgangssituationen und können bei der Zuhörerschaft besser berücksichtigen, welche Expertisen sie mitbringen, wieviel Zeit zur Verfügung steht, welche Bildung und Herkunft wir annehmen können und ggf. in welcher momentanen Situation sie sich befinden. Entsprechend sollten Präsentation und Sprache angepasst sein.

Eine klare, verständliche Sprache spiegelt darüber hinaus eine klare Gedankenstruktur. Das heißt, der Sprechende hat vorher überlegt und reflektiert, was und wie und zu wem er spricht.


Also doch eher KISS?

Nicht unbedingt. In obiger quantitativer Untersuchung wurden die Wörter gezählt und eingeordnet, die bei Präsentationen der start-up Wettbewerbe benutzt wurden und im Anschluss wurde verglichen, bei welchen Präsentationen die Investoren Geld bzw. mehr Geld gegeben haben.

Fazit der Studie, "von der Art der Sprache lässt sich auf den späteren finanziellen Erfolg (der start ups) schließen" (Interview Spiegel, August 2025).

Komplexe Sprache misst die Studie anhand von Worten, die Vergleiche, Komplexität, Differenzierungen, Nuancen ausdrücken. Die dazu gehörenden Worte sind Konjunktive wie könnte, sollte, wäre, möglicherweise und Vergleichsworte wie besser, anders, mehr, schwierig, leichter, gut, eher.

Wer aufmerksam gelesen hat wird feststellen, dass die oben aufgelisteten Worte normalerweise in die Kategorie "Weichmacher" fallen und bei alltäglichen business-Präsentationen nicht erwünscht sind. Vielmehr werden Zahlen, Daten, Fakten verlangt, das ZDF des Berufsalltags.

Was bedeutet es für den Berufsalltag, wenn statt ZDF nunmehr für die Karriere, für den Aufstieg ins Top Management, "tatsächlich die kognitiv komplexe Sprache zu größerem Finanzierungserfolg führt."?


In Zeiten der Veränderung, der Transformation...

Reflektiertes und komplexes Durchdringen der Sachverhalte und solides Abwägen sind in Zeiten der Veränderung besonders wichtig. Ebenso wichtig ist, für die jeweilige Zielgruppe die Sprache so anzupassen, dass Inhalte verstanden und genutzt und sinnvoll umgesetzt werden können.

Nun ist komplexes, reflektiertes Denken keine Neuheit. Neu mag allenfalls der Aufruf zu komplexem Umgang mit komplexen Sachverhalten sein.

In Zeiten der Transformation, Veränderung, einer unsicheren Zukunft und dem nicht-wissen-wohin-die-Welt sich entwickeln wird, bergen ZDF-Präsentationen und Vereinfachungen die Gefahr von Oberflächlichkeit.

In unserer komplexen Welt, in der in großer Geschwindigkeit zeitgleich Veränderungen entstehen und Unbekanntes bewältigt werden muss, ist reflexives Denken zwingend erforderlich, wenn das Unternehmen nicht untergehen will. Risiken, Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, Begrenzungen, mögliche Alternativen - dieses transparent aufzubereiten und darzustellen bedarf einer klaren Sprache.

Einer klaren Sprache geht meistens ein komplexes analytisches Denken auf einer fundierten Wissens- und Erfahrungsbasis voraus.

Mut zur Klarheit, Mut zur differenzierten Sprache, wo notwendig

Sprache ist immer (auch) ein Handwerkszeug. Vereinfachung ist ein Werkzeug. Komplexität ist ein Handwerkszeug. Wenn komplexe Sachverhalte und Risiken absichtlich reduziert oder verdrängt werden und notwendige Details und Tiefe für solide Entscheidungen fehlen, riskiert man im besten Falle Stillstand, im schlechtesten Falle falsche Entscheidungen oder ein weiter-so-Verhalten.

Kognitiv komplexe Sprache benutzt Worte, die über Zahlen, Daten, Fakten hinausweisen. Kognitiv komplexe Sprache zeigt Risiken, Unsicherheiten, Alternativen auf. Um das aufzeigen zu können, bedarf es der Worte wie oben beschrieben, also könnte, sollte, wäre, möglicherweise und Vergleichsworte wie besser, anders, mehr, schwierig, leichter, gut, eher.

Vergessen Sie nicht, als start-up würden (!) Sie mit dieser Wortwahl die Investoren überzeugen und mehr Gelder erhalten. Womöglich überzeugen Sie in schwierigen Zeiten die obere Führungsriege in Ihrem Unternehmen in Zukunft ebenfalls, wenn Sie klare Kernbotschaften liefern, und reflektiert und differenziert komplexe Sachverhalte und Risiken auch als solche benennen.

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Dr. Sibylle Deutsch ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Perspektiven und Möglichkeiten zu erweitern und in Einklang mit sich zu leben und zu handeln.