Hannah Arendt, KI und die neuen Fürsten

Hannah Arendt: Von der Freiheit, frei zu sein.

Wir haben Zugang zu schier unendlichen Informationen und unbegrenztem Wissen. Doch wir haben weniger eine Vorstellung von Gesellschaft und Welt, wie wir sie gestalten wollen und in ihr leben möchten, als wohl je zuvor.

Es ist nicht die Wissens- und Informationsflut, die uns zu erdrücken scheint und die Dinge auseinanderfallen lässt. Es ist der Verlust an Qualität. Qualität des Lebens, des Seins, des Menschlichen.

Hannah Arendt ist eine wichtige Lehrmeisterin für mich. Sie lehrte mich, wie gutes Miteinander funktionieren kann; wie Denken, Sprechen und Handeln in Einklang kommen sollten, um würdig und respektvoll am Leben teilzunehmen und gestaltend einzugreifen.

"Ohne von Menschen bewohnt und von ihm andauernd besprochen zu werden, wäre die Welt nicht mehr als ein Haufen beziehungsloser Dinge.", analysiert Arendt in Vita Activa. Eine wichtige Botschaft, die mich begleitet: Erst im Miteinander wird Realität erlebbar und unser Handeln erfährt Bedeutung.

John Ratey, Professor für Psychatrie an der Havard Medical School, hat herausgearbeitet, warum Kommunikation so zentral für uns Menschen ist: "Wir kommunizieren, um uns der eigenen Wirklichkeitswahrnehmung zu vergewissern."

Beide Aussagen sind wohl grundlegend für meine Kommunikationswahrnehmung und enthalten eine tiefe Wahrheit für mein Verständnis von menschlichem Miteinander.

Warum? Wir kommunizieren miteinander, um unsere eigene Wirklichkeit, unser Realitätsverständnis zu überprüfen. Wir prüfen unser Sein durch das Gespräch mit anderen, spiegeln uns gegenseitig wider und erkennen erst durch Reden und Handeln, was wirklich zählt. Verlieren wir diese Verbindung, kommen wir in der gelebten, sinnlich erfahrbaren Welt nicht mehr vor und die Dinge fallen auseinander und geraten in einen Zustand “eines Haufens beziehungsloser Dinge”, wie Arendt formuliert.

Angesichts der wachsenden Ausbreitung von KI und der Quantifizierbarkeit der Realität, ist die heutige Beziehungslosigkeit der Dinge dieser Welt, einschließlich der zum Ding werdende Mensch, aktueller denn je.

KI ist eine Codierung in der Abfolge von Nullen und Einsen. Die KI-Assistenz und die netten Avatare, das Trainieren der KI in Richtung Ethik und Emotionalität und Empathie, wirken so echt und vermenschlichend, dass wir bereit sind, ihnen auch menschliche Eigenschaften zuzusprechen.

Im Berufsalltag ist die Nutzung von KI verbreitet. Der Tag wird mit KI organisiert und anstehende Entscheidungen werden mit "meiner KI diskutiert". Jenseits der Illusion ist jedoch die Struktur des Algorithmus bestimmend für die Antwort von ChatGPT, und nicht menschliches Verstehen. Wir sind es, die sich auf KI gesteuerte Entscheidungslogiken einlassen und sie vermischen mit unserer menschlichen Entscheidungsfindung. Und dabei vergessen wir, dass wir es immer nur mit Wahrscheinlichkeitsberechnungen einer quantifizierten Realität zu tun haben. Wir füllen Sinn-Leere und nicht-verstehen der KI, indem wir den Algorithmus in Subjekte umwandeln, Namen vergeben und Maschinen eine moralische Färbung verleihen, die "sein Handeln" bestimmen. Anders gesagt, wir sind es (nicht die Maschine), die "meinem Co-Pilot" immer häufiger im alltäglichen Umgang menschliche Denkweisen und Entscheidungskompetenzen zuweisen.

Arendts 1967 vollendeter, aber erst 2018 auf deutsch erschienener Text "Von der Freiheit, frei zu sein" unterscheidet zwischen Freiheit und Befreiung aus Unterdrückungszuständen. "Frei sein" bedeutet für Arendt auch, am politischen Leben aktiv teilzunehmen.

Heute haben wir kaum die Wahl, ob wir dem Algorithmus folgen wollen oder nicht. Wir akzeptieren im alltäglichen Umgang mit KI, dass alles, was nicht quantifizierbar ist, in der Wahrscheinlichkeitsrechnung des Algorithmus nicht existiert, also einfach nicht vorkommt. Und genau das, so denke ich, ist eines der großen Themen unserer Zeit: Die Digitalisierung (damit meine ich KI und keine Exceltabelle) kann, wenn sie bloß als Quantifizierung gesehen wird, die Qualität dessen, was uns als Menschen ausmacht, gefährden, ja vernichten.

Was macht uns als Menschen aus? Qualität, Kunst und Bildung, aktive Teilnahme am öffentlichen politischen Leben. Kunst, die Räume öffnet, in denen Gefühle einen sicheren Ort finden. Kunst und Bildung können Brücken bauen und Hoffnung bewahren. Seit es Überlieferungen und Aufzeichnungen des Menschen gibt, bezeugen sie unser Selbst- und Weltverständnis. In Chorälen, Malereien, Werken und Schriften finden wir jenes Menschliche, das unsere Kulturen und Zivilisationen ausmachen.

Freilich hat der Mensch bereits vor KI das menschliche Miteinander versucht methodisch zu untersuchen, zu klassifizieren, zu ordnen und zu quantifizieren, um Effizienzsteigerungen zu erreichen, dies sowohl in der Produktion als auch in der Information und Kommunikation. So ist unser Handeln einer immer effizienteren Verwertung unterworfen.

Doch das Klingen zwischen Menschen, das unser Denken, Fühlen und Handeln färbt, bleibt unquantifizierbar. Was zwischen uns Menschen anklingt, inspiriert das Gehirn, steuert Emotionen und Empathien und stimuliert das, was wir denken, sagen und tun auf eine Weise, die sich weder in Nullen und Einsen noch Effizienzen erfassen lässt.


Bereits die Kybernetik der 1950er Jahre sah Kommunikation als bloße Information von A nach B. Etwas geht von einem zum anderen. Der systemisch-kybernetische Denker Gregory Bateson hatte die Vorstellung, es gehe bei der Kommunikation um die Erzeugung von Redundanz, also von überflüssigem Wissen. Was ist wohl in den Köpfen drin? Wie sind die Seinszustände der in der Kommunikation beteiligten? Was bedeutet Wissen in bestimmter Art im Kopf A, und was im Kopf B? Wie will man wissen, was jemand weiß? Wie will ich selbst wissen, was ich weiß? Niklas Luhman merkte an, dass niemand etwas aus seinem Kopf verliert, wenn er kommuniziert, so lange, wie die Kommunikation anschlussfähig bleibt. Doch was wirklich im Kopf eines anderen vorgeht, lässt sich kaum erfassen.

"Tatsachen und Geschehnisse [werden] von anwesenden anderen keineswegs identisch, vielmehr bestenfalls ähnlich wahrgenommen", so formuliert es Karl-Heinz Breier in seiner Einführung zu Hannah Arendt, sie zitierend. Kommunikation und Handeln erzeugen Wirklichkeit. Und weisen somit weit über reinen Datenfluss hinaus.

Kants große philosophische Fragen bleiben relevant: "Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Was kann ich hoffen?". Sie münden bei Kant in die Frage "Was ist der Mensch?"

Der Mensch wird sich nicht erschöpfen in einer Codierung von 0 und 1. Heute nicht und Morgen auch nicht. Aber der Mensch könnte seinerseits die KI so vermenschlichen, dass die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine verschwimmen.

"Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein (...) und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen." schreibt Arendt in Vita Activa.

Spiegelt das unsere aktuelle gesellschaftspolitische Realität wider? Nein, vielmehr sind es die obersten Machthaber, die "neuen Fürsten", wie es bei Da Empoli heißt, die sich mit nackten Tatsachen in die Welt werfen und herrschen und beherrschen.

Der französische Historiker und Politiker Alexis de Tocqueville analysiert im 19. Jahrhundert: "Fast überall in Europa herrscht der oberste Machthaber auf zweierlei Art: er lenkt den einen Teil der Bürger durch die Furcht, die seine Werkzeuge ihm einflößen, und den anderen durch die Hoffnung, seine Werkzeuge zu werden."

Damit hat er zutreffend unser Heute charakterisiert; zugleich korrespondiert seine Aussage mit Arendts Analyse totalitärer Herrschaft. In ihrem zentralen Werk Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft schreibt Arendt, dass sich totalitäre Herrschaft dauernd bewegen und alles in Bewegung halten muss, um das Denken der Menschen zu EINEM Denken zu formen. Mehr noch, sie analysiert den Nährboden für totalitäre Herrschaft - eine bis heute gültige Analyse.

Dazu heißt es weiter bei Arendt in Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft: "Was moderne Menschen so leicht in die totalitäre Bewegung jagt und sie gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. In dieser Verlassenheit gehen Selbst und Welt, und das heißt echte Denkfähigkeit und echte Erfahrungsfähigkeit, zugleich zugrunde."

Lasst uns nicht in dieser Verlassenheit zugrunde gehen!

Statt Verlassenheit können wir Brücken bauen, zu uns selbst und zueinander. Und wir haben das Vermögen, denkend, sprechend und handelnd eine dem Menschen gemäße gute Welt zu gestalten. Wir denken. KI denkt nicht. Wir besitzen echte Erfahrungsfähigkeit. KI erlebt nichts.

Was können wir hoffen? Nähren wir die Hoffnung, dass wir "selbst dann, wenn die Zeiten am dunkelsten sind, das Recht haben, auf etwas Erhellung zu hoffen", wie Arendt Mut machend in ihrem Werk Menschen in finsteren Zeiten schreibt.

Was können wir tun? Wir können anlässlich Hannah Arendts 50jährigem Todestag am 04.12.2025 (wieder) gute, sinn-volle Bücher lesen. Hannah Arendt zum Beispiel, oder Aristoteles, Tocqueville, Montesquieu, Kant, Jaspers etc. pp. Lesen, studieren, gestalten formt uns zu Menschen, die sinnvoll und nutzbringend KI zum Wohle aller anwenden könn(t)en - und gefeit sind gegen Maschinenvermenschlichung einer Algorithmus gesteuerten quantifizierten Realität, genannt KI.

"Das Leben der Ernährung und des Wachstums besitzen auch die Pflanzen, wir suchen aber das dem Menschen Eigentümliche.", wie es bei Aristoteles heißt.

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Dr. Sibylle Deutsch ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Perspektiven und Möglichkeiten zu erweitern und in Einklang mit sich zu leben und zu handeln.