...lass bald von dir hören und gib ein Lebenszeichen...

Intensität der Briefkultur

Denken wir an die lange Tradition des Briefe schreibens, so stellt sich sofort die Assoziation intensiver Bindung und emotionaler Beziehungen zwischen den Schreibenden ein. Hier ist ein Bezug, eine Intensität, eine Welt des Miteinander vorhanden. Nicht selten ist diese intensiver und realer, als in der wirklichen Welt, denken wir an Kafka’s (Liebes-)Briefe.

Nachdenken, reflektieren, sich austauschen und Gedanken teilen

Und wenn ich seit langem nicht geschrieben habe, dann weil ich gegen meine Krankheit zu kämpfen und meinen Kopf zu beruhigen hatte und kaum Lust dazu verspürte zu diskutieren und diese Abstraktionen gefährlich fand. Stets wird der Bezug zum anderen hergestellt und, wie hier Van Gogh im Brief an seinen Bruder Theo, erläutert, warum man länger nichts von sich hat hören lassen.

Bei Van Gogh ist es die Auseinandersetzung um Malerei, Farben, Licht, das Ringen um sein Künstlerdasein und, zum Schluss, seine Krankheit.

Mandelas Briefe kreisen um Kämpfe und um die gerechte Zukunft, Wittgensteins Briefe spiegeln die Auseinandersetzung mit seinen wissenschaftlichen Kollegen, versuchen Missverständnisse auszuräumen und sich dem anderen verständlich zu machen. Manche Briefe sind kurz wie unsere SMS und Termine ausmachen liest sich damals ähnlich wie heute, wie aus dem kurzen Brief Wittgensteins an Keynes ersichtlich wird.

Lieber Keynes! Leider kann ich Dich am Freitag nicht zum Tee treffen, da ich jeden Freitag um 5 Uhr Seminar habe. Könntest Du am Sonntag, dem 25., oder am Samstag danach, dem 31., oder am Sonntag, dem 1. November, zu mir zum Tee kommen? Hoffentlich sehe ich Dich bald wieder. Immer Dein Ludwig.

SMS ist flüchtig, Briefe sind intensive, gedankliche Gespräche

Die rasch und wie hingeworfen verfassten Mails sind unbeständig, verlieren sich in den Tiefen des digitalen Raumes. SMS verführt zum texten und dem getexteten Text folgt weiteres texten und kaum ist es gesendet, ist es verflogen und ein weiteres texten tut Not. Millionen und Abermillionen von getexteten Buchstaben im Netz.

Ein Brief ist in der Einsamkeit von Corona-Zeiten eine Möglichkeit, sich in Gesellschaft zu begeben. Man setzt sich hin, nimmt Stift und Papier, konzentriert und fokussiert sich, imaginiert den Anderen vor dem geistigen Auge und beginnt auf dem Papier mit ihm oder ihr zu sprechen, zu streiten, zu reflektieren, zu erzählen.

Nach dem der Brief beendet ist, ist man oft gleichermaßen erschöpft wie hoch zufrieden, klar und gelöst mit frischem Blick.
Das Schreiben des Briefes erfordert die Aufmerksamkeit des Schreibenden, die Vergegenwärtigung der Inhalte und der Person, der ich schreibe. Der Prozess des Schreibens selbst ist ein schöpferischer Akt. Schreiben ist immer auch Selbstreflektion und Selbst-Lernen, weil man mit sich selbst und dem Anderen im Austausch ist. Meistens ist es besser als ein Seminar.

Dreimal täglich Post

Briefe schreiben, wie es hier angedeutet ist, ist lange vor unserer digitalen Zeit geschehen. Elektronische Mails gab es nicht, wenngleich die Post noch dreimal pro Tag, beziehungsweise direkt mit dem Boten oder Kurier, zugestellt wurde. In Briefen spiegeln sich in Stil und Sprache die Gedanken des Schreibenden wider. Manches ist sicherlich oberflächlich und rasch dahin geschrieben, manches wiederum zeugt von innerer Anspannung, von Ängsten und Sorgen. Und damals wie heute erkennt der Sender die Missverständnisse erst an der Reaktion, also an der Rückantwort des Empfängers.

Briefe sind seit Jahrtausenden Zeugnisse der Gedanken und Reflektionen, die die Menschheit beeinflusst haben. Briefe und Tagebücher sind intime - häufig durchaus auch inszenierte - Selbstzeugnisse. Wollen Menschen sich erproben, erkunden, sich austauschen und um Einsichten und Ansichten ringen, stellen sie einen Bezug her, zu sich selbst und zu anderen. Und geschriebene Briefe sind beständige, solide Begleiter und ein Gegengewicht zu der flüchtigen, oberflächlichen und ungewissen heutigen Zeit. Im Schreiben werden die eigenen Gedanken und die Emotionen fassbar und die Adressatin, der Adressat kann sie nachempfinden und nacherleben. So kann ich den anderen teilhaben lassen an dem, was mich bewegt, erfreut, besorgt und gedanklich oder emotional beschäftigt.

Als soziale Wesen sind wir hungrig nach sozialen, emotionalen Bezügen. Eine zwischen-menschliche Beziehung ist ein schützender Raum und Widerhall, innerhalb dessen Menschen sich zuhören und produktiv sein können.

Briefe, lange Telefonanrufe, Treffen in digitalen Formaten, Spaziergänge mit Maske und Abstand - alle Formen ermöglichen intensiven Austausch, sofern wir die Beziehung zum anderen herstellen.

Der Bildschirm stellt keine aktive Beziehung zu uns her. Wir, die Menschen, sind es, die soziale Beziehungen aufbauen und Bindungen herstellen. Ob da nun ein Bildschirm dazwischen ist oder eine Raumkapsel, das ist egal. Wir können zu (fast) allem und allen soziale Bindungen herstellen. Tun wir es bewusst!

Autorin | Dr. Sibylle Deutsch

Dr. Sibylle Deutsch ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, Linguistin. Sie ist Inhaberin von DEUTSCH.COACH. Als Professional Certified Coach (PCC) begleitet und unterstützt sie Menschen, ihre Möglichkeiten zu erweitern.